Tenor

Warum macht mir Chorsingen Freude?

Musik ist für mich die Sprache der Welt, die jeder versteht, der sich auf sie einlässt. Sie zu „sprechen“ und mir damit bewusst zu sein, dass jeder, der es will, mich verstehen kann, erfüllt mich tief mit Glück. Umgekehrt kann ich aber auch jeden Musikmachenden verstehen. Und das erweitert meinen Horizont gewaltig und macht mich selbstbewusst und stolz.

Das Singen ist die Ausübung von Musik, zu der ich mich zurzeit am meisten hingezogen fühle. Das war nicht immer so. Ich habe von frühester Kindheit an gelernt, auf unterschiedlichen Instrumenten Musik zu machen. Die Stimme gehörte damals nicht dazu. Ich habe von ihr erst mit Anfang Zwanzig als Sänger Gebrauch gemacht. Seitdem hat mich das nicht mehr losgelassen. In diesen vielen (40) Jahren habe ich durch sie unglaublich viele Komponisten, Arrangeure und Musikmachende kennen gelernt, dass mein Bedarf nach sozialen Kontakten und Gleichgesinnten nahezu komplett gestillt ist. Natürlich macht das Umsetzen von Tausenden von Notenblättern in Musik nicht unbedingt dümmer, und doch eröffnen sich mir immer wieder neue Erkenntnisse auch in Bezug auf einzelne Menschen, die sich mit der Musik beschäftigen, so dass ich immer weiter gefordert bin, mich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Das Chorsingen insbesondere erfordert aber neben der Konzentration und dem gemeinsamen Wunsch, ein Stück so aufzuführen, dass eine einheitliche Interpretation zu erkennen ist, noch eine Eigenschaft, die vom Solisten nur reduziert gefordert wird, nämlich das gefühlsmäßige Vernetzen der Teilnehmer untereinander. Wenn das Einstudieren der Noten abgeschlossen ist, kann diese Wahrnehmungsweise ihren Raum bekommen. Im Idealfall denken dann in Bezug auf das erklingende Musikstück alle Teilnehmer gleich und richten sich - bewusst oder unbewusst - aneinander aus. Das Ergebnis ist dann eine authentische Interpretation, die auch von nahezu allen Zuhörern als authentisch, also glaubhaft erkannt wird. Der Chor verschmilzt trotz seiner Vielzahl an Individuen gefühlsmäßig zu einer Einheit und ist als solche auch zu erkennen. Das erzeugt unglaublich viele Glücksgefühle, sowohl bei den Sängern, dem Dirigenten als auch beim Publikum.

Natürlich gilt das gleiche auch für den Bereich der Instrumentalmusik. Aber es ist etwas anderes, sein Instrument klanglich den anderen anzupassen oder seine Stimme an den anderen Sängern auszurichten. Die Stimme ist das sensibelste Instrument von allen und von sehr vielen Dingen beeinflussbar. Deshalb ist das Verschmelzen zu einer Einheit mit der Stimme wohl das größte Glücksgefühl.

Mich jedenfalls lässt das Chorsingen ein glücklicher Mensch sein, und wenn ich nach einer Chorprobe oder einem Auftritt in die Augen meiner Mit-Sänger schaue, dann zeigt sich mir auch bei ihnen ein ähnlicher Zustand. Und so freue ich mich regelmäßig auf neue Mit-Sängerinnen und Mit-Sänger in unserem Chor „tonart Grundhof“, die dieses schöne Gefühl, mit der Musik eins zu sein, gemeinsam erleben wollen. Bis bald!

Hans-Jörg Busse

(Stimmführer im Tenor)